Deeskalieren, klare Haltung zeigen – Gewaltkompetenz für Männer –

„Gewaltprävention darf niemanden aus dem Blick verlieren“

Eine engagierte Projektgruppe hat sich zur Aufgabe gemacht, das Gewaltpräventionsprogramm im Ju-Jutsu-Verband Bayern zu ergänzen. Dazu bringen der JJVB-Gewaltpräventionsbeauftragte Alexander Kraus, Thomas Frühling, Frauenbeauftragte Heike Bittner, Nicht-mit-mir-Beauftragte Annemarie Besold, Frauenlehrteammitglied Sabine Zängerl, Kinderschutzbeauftragter Torsten Gruber, Thomas Mann und Doris Klingseisen ihre Expertise zusammen. Im folgenden Interview geben die Initiatoren Einblicke in Hintergründe, Ziele und Inhalte des neuen Fortbildungsmoduls „Gewaltkompetenz für Männer“.

JJVB: Der Ju-Jutsu-Verband Bayern erweitert sein Präventionsangebot. Warum ist dieser Schritt notwendig?

Annemarie Besold: Gewaltpräventionsangebote im Ju-Jutsu richten sich seit vielen Jahren vor allem an Kinder, Jugendliche sowie Mädchen und Frauen. Programme wie Nicht-mit-mir! und FrauenSelbstSicherheit haben sich bundesweit etabliert. Sie stärken Menschen und geben ihnen Handlungssicherheit im Umgang mit Gewaltsituationen. Jedoch wurde bislang eine Zielgruppe nur unzureichend berücksichtigt – Jungen und Männer. Diese Lücke zu schließen ist mir schon geraume Zeit ein großes Anliegen.

JJVB: Unterscheiden sich denn die Gewaltsituationen, mit denen Männer konfrontiert sind so sehr von denen der Frauen?

Alexander Kraus: Männer erleben tatsächlich andere Gewaltrealitäten als Frauen. Typische Situationen, die fast alle Männer kennen sind z.B. Konflikte beim Feiern, oft unter Einfluss von Alkohol, Eskalation in Gruppen, Demütigung vor anderen. Gerade junge Männer geraten hier oft in Rollen- und Erwartungsdruck. Wie lässt sich ein Konflikt entschärfen ohne Gesichtsverlust? Manchmal ist man auch mit Partnerin, Freunden oder Familie unterwegs. Dann geht es auch noch darum, andere zu schützen und gleichzeitig die Situation unter Kontrolle zu halten.

JJVB: Gibt es einen besonderen Grund, dieses Thema gerade jetzt anzupacken?

Heike Bittner: Annemarie und ich haben den JJVB letztes Jahr zusammen mit Team Sport-Bayern beim Deutschen Präventionstag vertreten. Dort haben wir Kontakt zur Bundeskoordinationsstelle Männergewaltschutz geknüpft. Die widmen sich unter anderem dem Thema häusliche Gewalt gegen Männer. Darüber spricht bisher kaum jemand, obwohl die offiziellen Zahlen zeigen, dass es mehr als ein Randthema ist. Herr Siegemund von der Koordinationsstelle berichtete uns auch von einem Mangel an qualifizierten Gewaltschutzangeboten speziell für Männer. Nachdem Annemarie sowieso schon lange an diesem Thema dran ist, haben wir Alex Kraus und Thomas Frühling ins Boot geholt, um hier etwas von Männern für Männer auf die Beine zu stellen. Daraus ist dann nach und nach unsere Projektgruppe entstanden.

JJVB: Heißt das, es wurde eine zusätzliche Lizenz geschaffen?

Annemarie Besold: Nein, es ist nicht notwendig, dafür eine zusätzliche Lizenz zu schaffen. Das neue Modul „Gewaltkompetenz für Männer“ knüpft als Fortbildung für Kursleiterinnen und Kursleiter unserer Programme FrauenSelbstSicherheit und Nicht-mit-mir! an die bestehenden Programme an. Sie umfasst 16 Lehreinheiten und wird zur Verlängerung beider Lizenzen anerkannt. Unsere Kursleiterinnen und Kursleiter erwerben mit dieser Fortbildung die erforderlichen Kompetenzen, um ihr Angebotsportfolio im Bereich Gewaltprävention speziell für männliches Klientel ausbauen zu können.

JJVB: Und warum heißt es „Gewaltkompetenz“ und nicht „MännerSelbstSicherheit oder „Selbstverteidigung“?

Alexander Kraus (lacht): MännerSelbstSicherheit klingt für Männerohren doch ziemlich – vorsichtig ausgedrückt – defizitorientiert. Aber im Ernst: Viele klassische Selbstverteidigungskurse für Männer setzen sehr stark auf körperliche Techniken. Das birgt die Gefahr, dass damit ungewollt genau die Muster verstärkt werden, die später zu Gewalt führen können. Die meisten Konflikte entstehen nämlich nicht im Angriff, sondern vorher – durch Provokation, Statusfragen und Gruppendynamiken. Wenn Männer nur lernen, „sich körperlich durchzusetzen“, kann das den Druck verstärken, grundsätzlich körperlich reagieren zu müssen, um das Gesicht nicht zu verlieren.

Gute Prävention setzt deshalb früher an: bei Konfliktwahrnehmung, Deeskalation und dem Umgang mit Status, Kränkung und Gruppendruck. Wichtig ist die Entwicklung der Fähigkeit, Situationen souverän zu verlassen, ohne unterwürfig zu wirken. Körperliche Selbstverteidigung sollte das letzte Mittel sein. Programme, die so arbeiten, erreichen sowohl Männer, die Gewalt vermeiden wollen, als auch solche die erhöhte Gewaltneigung mitbringen und können damit gleichzeitig präventiv und deeskalierend wirken.

JJVB: Das hört sich sehr interessant an. Wie geht es jetzt weiter?

Heike Bittner: Am 5. Mai starten wir mit einer Online-Fortbildung der Koordinierungsstelle Männergewaltschutz zum Thema „Gewalt gegen Männer“. Sie steht nicht nur Kursleiterinnen und Kursleitern offen, sondern allen Interessierten. Die Teilnahme ist dank einer Förderung über das Programm „Sport schafft Werte“ von Team Sport Bayern kostenlos. Anmeldung ist ab sofort möglich Alle Termine – Ju-Jutsu-Verband Bayern e.V.

Am ersten Juli-Wochenende startet dann der Pilotkurs der Fortbildung „Gewaltkompetenz für Männer“ in Präsenz. Weitere Informationen und die Ausschreibung dazu folgen bald.

JJVB: Vielen Dank für die Informationen.

Peter Günther, JJVB; Interview: JJVB; Info: Projektgruppe Gewaltkompetenz; Bilder: KI-generiert